Die Zeitformen gehören zu den wichtigsten Grundlagen der deutschen Grammatik. Mit ihnen lässt sich ausdrücken, ob etwas gegenwärtig geschieht, bereits geschehen ist oder erst in der Zukunft stattfinden wird. Die deutsche Sprache unterscheidet sechs grammatische Zeitformen: Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II. Dabei stimmen grammatische Zeitform und tatsächliche zeitliche Bedeutung nicht immer vollständig überein. Ein Präsens kann beispielsweise auch Zukünftiges ausdrücken: „Morgen fahre ich nach Berlin.“
Wer die Zeitformen sicher bestimmen und bilden möchte, sollte deshalb nicht nur ihre Namen auswendig lernen. Wichtig sind ebenso die verwendeten Hilfsverben, die Verbformen sowie der Zusammenhang, in dem ein Satz steht. Die folgende Tabelle zeigt alle sechs Zeitformen mit Bildung, Verwendung und einem durchgehenden Beispiel.
Welche Zeitformen gibt es in der deutschen Sprache?
Der grammatische Fachbegriff für die Zeitform eines Verbs lautet Tempus, der Plural heißt Tempora. Nach der üblichen grammatischen Einteilung verfügt die deutsche Sprache über zwei einfache und vier zusammengesetzte Zeitformen. Präsens und Präteritum werden als einfache Tempora bezeichnet, weil sie grundsätzlich mit einer einzelnen finiten Verbform gebildet werden. Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II benötigen dagegen zusätzliche Verbformen.
Tabelle: Die sechs Zeitformen der deutschen Grammatik
Hinweis: Die zeitliche Bedeutung ergibt sich nicht ausschließlich aus der grammatischen Form. Die Zeitformen Präsens und Futurformen können beispielsweise zusätzlich Vermutungen oder zukünftige Ereignisse ausdrücken.
Präsens und Präteritum: Die einfachen Zeitformen
Präsens und Präteritum werden als einfache Zeitformen bezeichnet. Bei ihnen wird kein zusätzliches Hilfsverb benötigt. Stattdessen trägt die finite Verbform selbst die grammatische Information über das Tempus. Aus „ich lerne“ wird beispielsweise im Präteritum „ich lernte“, während ein starkes Verb wie „gehen“ die Formen „ich gehe“ und „ich ging“ besitzt.
Das Präsens wird für mehr als die Gegenwart verwendet
Das Präsens ist die häufigste und vielseitigste Zeitform der deutschen Sprache. Es beschreibt zunächst Handlungen und Zustände, die zum Zeitpunkt des Sprechens gelten: „Der Hund schläft.“ Ebenso eignet es sich für regelmäßig wiederkehrende Ereignisse: „Jeden Montag trainiere ich.“ Allgemeingültige Aussagen stehen ebenfalls typischerweise im Präsens: „Wasser gefriert bei entsprechender Abkühlung.“
Das Präsens kann außerdem Zukunft ausdrücken, wenn der zeitliche Zusammenhang eindeutig ist. „Wir fahren nächste Woche in den Urlaub“ bezeichnet eindeutig ein zukünftiges Ereignis, obwohl das Verb grammatisch im Präsens steht. Deshalb ist das Futur I für Zukunftsaussagen nicht zwingend notwendig.
Das Präteritum erzählt von vergangenen Ereignissen
Das Präteritum bezeichnet grundsätzlich Vergangenes und spielt besonders in schriftlichen Erzählungen, Berichten und literarischen Texten eine wichtige Rolle. Typische Beispiele sind „Sie öffnete die Tür“, „Er ging nach Hause“ oder „Es regnete den ganzen Nachmittag“.
Im gesprochenen Deutsch wird das Präteritum bei vielen Verben häufig durch das Perfekt ersetzt. Statt „Ich kaufte gestern ein Fahrrad“ hört man im Alltag eher „Ich habe gestern ein Fahrrad gekauft“. Bei den Verben „sein“ und „haben“ sowie bei Modalverben ist das Präteritum dagegen auch mündlich sehr gebräuchlich: „Ich war müde“, „Wir hatten keine Zeit“ oder „Sie musste arbeiten“.
Perfekt und Plusquamperfekt: Vergangenes richtig einordnen
Perfekt und Plusquamperfekt sind zusammengesetzte Zeitformen. Beide werden mit einem Hilfsverb und dem Partizip II des Vollverbs gebildet. Das Perfekt verwendet eine Präsensform von „haben“ oder „sein“, während das Plusquamperfekt die entsprechenden Präteritumformen „hatte“ beziehungsweise „war“ benötigt.
Warum das Perfekt im gesprochenen Deutsch besonders wichtig ist
Das Perfekt beschreibt vergangene Ereignisse und ist in der gesprochenen deutschen Sprache ausgesprochen häufig. Beispiele lauten „Ich habe das Buch gelesen“, „Wir haben lange gewartet“ oder „Sie ist nach Hause gegangen“. Welche Hilfsverbform verwendet wird, hängt vom jeweiligen Verb ab.
Die meisten Verben bilden das Perfekt mit „haben“. Dazu gehören beispielsweise „arbeiten – hat gearbeitet“, „lesen – hat gelesen“ und „kaufen – hat gekauft“. Bei vielen Verben der Bewegung oder Zustandsveränderung wird dagegen „sein“ verwendet: „gehen – ist gegangen“, „kommen – ist gekommen“ oder „einschlafen – ist eingeschlafen“. Eine einfache Bedeutungsregel hilft bei der Orientierung, erfasst aber nicht jeden Einzelfall. Deshalb sollte bei Unsicherheit geprüft werden, welches Hilfsverb zum jeweiligen Verb gehört.
Das Plusquamperfekt bezeichnet die Vorvergangenheit
Das Plusquamperfekt wird benötigt, wenn ein vergangenes Ereignis noch vor einem anderen vergangenen Ereignis stattgefunden hat. Es schafft damit eine zeitliche Abstufung innerhalb der Vergangenheit. Ein typisches Beispiel lautet: „Nachdem ich gegessen hatte, ging ich spazieren.“ Das Essen fand vor dem Spaziergang statt.
Ein weiteres Beispiel zeigt den Zusammenhang: „Als wir am Bahnhof ankamen, war der Zug bereits abgefahren.“ Das Ankommen liegt in der Vergangenheit, doch das Abfahren des Zuges geschah noch früher. Deshalb steht „war abgefahren“ im Plusquamperfekt.
Futur I und Futur II: Zukunft und Vermutungen ausdrücken
Die beiden Futurformen gehören ebenfalls zu den zusammengesetzten Zeitformen. Futur I wird mit einer finiten Form von „werden“ und dem Infinitiv des Vollverbs gebildet. Für Futur II werden zusätzlich das Partizip II und der Infinitiv von „haben“ beziehungsweise „sein“ benötigt.
Futur I bezeichnet nicht ausschließlich die Zukunft
Ein klassisches Beispiel lautet „Ich werde morgen arbeiten“. Futur I kann geplante oder erwartete zukünftige Ereignisse ausdrücken. Im alltäglichen Deutsch wird dafür jedoch häufig das Präsens verwendet: „Ich arbeite morgen.“ Ein Wort wie „morgen“, „nächste Woche“ oder „später“ macht die zeitliche Zuordnung bereits eindeutig.
Futur I besitzt außerdem eine wichtige Funktion bei Vermutungen. „Paul wird jetzt zu Hause sein“ bedeutet nicht zwingend, dass Paul erst später zu Hause sein wird. Vielmehr äußert der Sprecher eine Vermutung über die Gegenwart. Die Bedeutung der Zeitform muss deshalb immer im Zusammenhang betrachtet werden.
Futur II beschreibt abgeschlossene zukünftige Vorgänge
Futur II wird verwendet, wenn ein Ereignis zu einem bestimmten zukünftigen Zeitpunkt bereits abgeschlossen sein soll. „Bis Freitag werde ich den Bericht geschrieben haben“ bedeutet, dass das Schreiben spätestens am Freitag beendet sein soll.
Auch Futur II kann eine Vermutung ausdrücken – diesmal häufig über etwas Vergangenes. „Sie wird den Bus verpasst haben“ bedeutet sinngemäß: Vermutlich hat sie den Bus verpasst. Damit zeigt gerade das Futur II, dass eine grammatische Zukunftsform nicht zwangsläufig ausschließlich zukünftige Ereignisse bezeichnet.
Wie werden die Zeitformen gebildet?
Für das sichere Anwenden der Zeitformen in der deutschen Sprache ist die Konjugation entscheidend. Verben verändern ihre Form nach Person, Numerus, Tempus und weiteren grammatischen Kategorien. Zusätzlich muss zwischen schwachen, starken und unregelmäßigen Verben unterschieden werden.
Starke und schwache Verben bilden die Vergangenheit unterschiedlich
Schwache Verben bilden ihr Präteritum typischerweise mit „-te“. Aus „lernen“ wird „lernte“, aus „arbeiten“ wird „arbeitete“ und aus „fragen“ wird „fragte“. Das Partizip II besitzt bei vielen schwachen Verben die Form „ge- + Verbstamm + -t“, beispielsweise „gelernt“, „gefragt“ oder „gekauft“.
Starke Verben verändern dagegen häufig ihren Stammvokal. Beispiele sind „gehen – ging – gegangen“, „sehen – sah – gesehen“ oder „schreiben – schrieb – geschrieben“. Das Partizip II endet bei starken Verben häufig auf „-en“. Zusätzlich gibt es unregelmäßige beziehungsweise gemischte Formen wie „denken – dachte – gedacht“ und „bringen – brachte – gebracht“.
- Präsens: finite Verbform der Gegenwart – „ich gehe“.
- Präteritum: einfache Vergangenheitsform – „ich ging“.
- Perfekt: haben/sein im Präsens + Partizip II – „ich bin gegangen“.
- Plusquamperfekt: hatte/war + Partizip II – „ich war gegangen“.
- Futur I: werden + Infinitiv – „ich werde gehen“.
- Futur II: werden + Partizip II + haben/sein – „ich werde gegangen sein“.
Bei trennbaren Verben und mehrteiligen Verbformen sollte der gesamte Verbkomplex berücksichtigt werden. Aus „aufräumen“ entstehen beispielsweise „ich räume auf“, „ich räumte auf“, „ich habe aufgeräumt“ und „ich werde aufräumen“. Die Bestandteile können im Hauptsatz weit auseinanderstehen und gehören grammatisch dennoch zusammen.
Welche Zeitform verwendet man wann?
Die passende Zeitform hängt nicht allein davon ab, ob etwas in Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft geschieht. Auch Textsorte, Sprachsituation und die zeitliche Beziehung zwischen mehreren Ereignissen spielen eine Rolle. Deshalb gibt es häufig mehrere grammatisch mögliche Formulierungen mit unterschiedlicher stilistischer Wirkung.
Gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich
In alltäglichen Gesprächen wird für vergangene Ereignisse häufig das Perfekt bevorzugt: „Ich habe gestern meine Freundin besucht.“ In erzählenden schriftlichen Texten ist dagegen das Präteritum üblich: „Am nächsten Morgen verließ sie das Haus und ging zum Bahnhof.“ Eine starre Trennung besteht allerdings nicht. Ähnlich flexibel ist die Zukunft. Sowohl „Morgen gehe ich einkaufen“ als auch „Morgen werde ich einkaufen gehen“ können sich auf die Zukunft beziehen. Das Präsens wirkt häufig unmittelbarer und natürlicher, wenn ein Zeitwort bereits deutlich macht, wann etwas geschieht. Das Futur I kann die Zukunft dagegen stärker hervorheben oder zusätzlich eine Erwartung beziehungsweise Vermutung ausdrücken.
Beim Erzählen mehrerer vergangener Ereignisse hilft das Plusquamperfekt, ihre Reihenfolge klarzustellen. Das Futur II erfüllt eine ähnliche Funktion mit Blick auf einen zukünftigen Bezugspunkt. Dadurch ermöglichen die sechs Zeitformen eine genaue zeitliche Strukturierung, auch wenn nicht jede Zeitstufe zwingend eine eigene Verbform benötigt. Für die Grammatik ist deshalb eine wichtige Unterscheidung entscheidend: Das Tempus bezeichnet die grammatische Form des Verbs, während die tatsächliche zeitliche Bedeutung erst aus Zeitform, Kontext und zusätzlichen Angaben entsteht. Wer diesen Unterschied verstanden hat, kann viele scheinbare Ausnahmen leichter einordnen.
Häufige Fragen zu den Zeitformen
Die folgenden Antworten fassen die wichtigsten Regeln zu Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II zusammen.
Welche sechs Zeitformen gibt es in der deutschen Sprache?
Die sechs Zeitformen der deutschen Sprache sind Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II. Präsens und Präteritum sind einfache Zeitformen, die übrigen vier werden aus mehreren Verbformen zusammengesetzt.
Was ist der Unterschied zwischen Präteritum und Perfekt?
Beide Zeitformen können vergangene Ereignisse ausdrücken. Das Perfekt wird im gesprochenen Deutsch häufig bevorzugt, während das Präteritum insbesondere in schriftlichen Erzählungen verbreitet ist. Bei sein, haben und Modalverben kommt das Präteritum auch im Gespräch häufig vor.
Wann verwendet man das Plusquamperfekt?
Das Plusquamperfekt wird verwendet, wenn ein Ereignis bereits vor einem anderen vergangenen Ereignis stattgefunden hat. Ein Beispiel lautet: „Nachdem ich gegessen hatte, ging ich spazieren.“
Muss für zukünftige Ereignisse immer Futur I verwendet werden?
Nein. Zukünftige Ereignisse können häufig im Präsens ausgedrückt werden, wenn der zeitliche Zusammenhang eindeutig ist. „Morgen fahre ich nach Hamburg“ ist ebenso eine Zukunftsaussage, obwohl das Verb grammatisch im Präsens steht.
Quellen
Für die Einordnung der Zeitformen wurden grammatische Darstellungen des Dudens sowie das grammatische Informationssystem des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache herangezogen.